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Experten-Interview mit Dr. Dobler zur zunehmenden Gefahr von Tick-Borne-Diseases

 

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Experten-Interview mit PD Dr. Dobler, Oberfeldarzt, Konsiliarlabor für Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr (IMB) (Anzeige)

 

Foto: MSD

 

Herr Dr. Dobler, hat die Bedrohung durch Parasiten in den letzten Jahren zugenommen?

Die Gefahr durch Ektoparasiten, insbesondere durch Flöhe und Zecken, hat zugenommen. Das liegt zum einen an den Wetterbedingungen – ich spreche nicht von Klima, sondern explizit von Wetterbedingungen der letzten Jahre, die aber natürlich die Klimaänderung ausmachen. Wir sehen schon, dass die Zahl der Zecken tendenziell zunimmt. Wir beobachten auch eine Zunahme der Krankheitsfälle von Zecken auf Menschen übertragenen Krankheiten – und das wird bei Tieren auch so sein. Außerdem stellen wir auch eine Zunahme von Zecken fest, die wir bisher so nicht gesehen haben. Stichwort hier: Die sogenannte Tropenzecke Hyalomma, die wir in diesem Jahr in einem Ausmaß in Deutschland beobachtet haben, wie noch nie vorher. Ektoparasiten nehmen auf jeden Fall zu, mit Endoparasiten beschäftigen wir uns nicht so sehr. Aber auch hier können wir sagen, dass Toxocara zunimmt.

Steckmücken nehmen ebenfalls zu. Wir haben hier nicht nur das Problem der importierten Stechmücken, sondern mittlerweile auch autochtone Fälle.

Dann kommt durch die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) immer stärker Babesia canis, das ist die sogenannte Hundemalaria (Babesiose). Das Problem ist hier, dass die Krankheit oft nicht erkannt wird, weil sie relativ neu ist bei uns. Wir haben nicht überall die richtige Diagnostik. Die Behandlung muss sehr schnell beginnen, sonst ist es oft zu spät.

Glauben Sie, dass die Zunahme der Bedrohung in der Ärzteschaft, in der Tierärzteschaft und bei den Tierhaltern hinreichend angekommen ist?

Definitiv ist weder bei Ärzten noch bei Tierärzten angekommen, wie ernst die Bedrohung durch die steigende Anzahl von Zecken, neue Zeckenarten und neue Krankheitsbilder zu nehmen ist. Wir bekommen hier von vielen Tierhaltern Probleme geschildert und Zecken zugeschickt, weil die Veterinärämter, die Gesundheitsämter und die Tierärzte manche Krankheitsbilder oder neue Zeckenarten noch nicht gut genug kennen, zum Beispiel die Tropenzecke.

Es gibt hier großen Aufklärungsbedarf bei den Tierhaltern und den Ärzten.

Kann man schon sagen, dass die neuen Zeckenarten bei uns heimisch werden, oder wäre das noch zu früh?

Im Moment kann man das noch nicht mit Sicherheit sagen. Aber es gibt eine Analyse im Science-Magazin, die zeigt, dass das Wetter in den kommenden fünf Jahren ähnlich sein wird wie dieses Jahr, weil das Wetter langfristig bestimmten Zyklen folgt. Das wären ideale Bedingungen für die Tropenzecke und würde dazu führen, dass Populationen hier heimisch werden. Wir müssen hier sehr wachsam sein.

Viele Ärzte und Tierärzte sagen, dass sie im Frühjahr ganz besonders viele Zecken gefunden haben, im warmen, trockenen Sommer hingegen viel weniger Zeckenaktivität festgestellt haben. Kann man denn sagen, wann Zecken aktiv werden?

Die Zecken waren auch im Sommer aktiv, das haben wir erhoben. Im letzten Jahr hatten wir in der höchsten Aktivitätsperiode im Mai 150 Zecken in einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Gebiet gesammelt. Dieses Jahr waren es 502 Zecken in der gleichen Zeit am gleichen Ort. Das hatten wir in unserem Modell auch genauso vorhergesagt. Wenn wir jetzt das Jahr 2018 weiterverfolgen, sehen wir die Verdreifachung der Zecken auch im Sommer. Im letzten Jahr waren es 30 bis 40, in diesem Jahr sank die Zahl der gesammelten Zecken nicht unter 100. Die Verteilung der Zecken in der Natur war eine andere. Durch die Hitze und Trockenheit fanden wir die Zecken nicht im Ökoton (Waldrand), wo normalerweise die höchste Dichte ist, sondern im Wald selber. Der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) hat sich also aus dem Ökoton in den Wald zurückgezogen. Dort haben sich wahrscheinlich auch die vielen FSME-Infektionen ereignet, zum Beispiel beim Pilze sammeln.

Die Anzahl der Zecken und damit die Bedrohung steigt also, auch wenn die Zecken im Sommer nicht die gleiche Sichtbarkeit hatten. Wir haben in diesem Jahr eine relativ normale Anzahl von adulten Zecken gefunden, dafür aber wesentlich mehr Larven und Nymphen. Die sind viel kleiner und werden deshalb häufig übersehen. Auch Tierbesitzer sagen, sie haben wenig Zecken gesehen. Aber gerade die Larven und Nymphen übertragen meist die Krankheiten auf den Menschen.

Obwohl die adulten Zecken eine relativ gesehen höhere Durchseuchung haben, ist das Risiko einer Übertragung durch Nymphen und Larven viel höher, weil es davon einfach zehnmal so viele gibt. Wir sprechen hier vorwiegend vom Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus).

Die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) (v.a. in Sachsen, Berlin, Rheinland-Pfalz) ist oft nicht aktiv bis September, aber im Herbst geht es mit der Auwaldzecke los. Ixodes geht jetzt eigentlich zurück, aber ich habe gestern in Traunstein in zehn Minuten 30 Zecken gehabt.

Viele Ärzte sagen sie behandeln erst, wenn sie Zecken finden. Die Notwendigkeit von Prävention werde von vielen Patienten als nicht so wichtig angesehen. Wie sehen Sie das?

Wir versuchen seit Jahren, die FSME-Impfraten zu erhöhen. Das hat jahrelang nicht geklappt. In diesem Jahr war das anders. Als die Leute hörten, dass dieses Jahr ein Zeckenjahr wird, haben sich plötzlich alle dafür interessiert und die Impfraten gingen hoch. Die Angst vor Zecken ist also durchaus vorhanden, aber der Hinweis auf die FSME-Impfung ist zu abstrakt. Man darf den Patienten nicht nur die Krankheit erklären, sondern auch die Bedrohung durch Parasiten.

Nicht nur die Anzahl der Zecken und die Anzahl der verschiedenen Zeckenarten steigert die Bedrohung. Auch die Tatsache, dass Tiere immer mehr als Familienmitglieder gesehen werden, häufiger mit ihnen gekuschelt wird, sie so oft wie nie im Bett der Besitzer schlafen dürfen, führt zu einer steigenden Bedrohung durch Parasiten bzw. Wirtswechsel vom Tier auf den Menschen. Wie sehen Sie das?

Wir wissen aus unseren epidemiologischen Untersuchungen, dass Hundehalter ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an FSME zu erkranken. Wir glauben mittlerweile sogar, dass Hunde das Virus verschleppen können von einem Trainingsplatz zum anderen. Wir haben zwei Trainingsplätze beobachtet, die 6 Kilometer voneinander entfernt sind. Wir hatten an beiden Orten FSME Fälle beim Menschen, und haben das Virus untersucht. Beide Male war es das identische Virus. In diesem Fall handelte es sich um Schäferhunde.

Wir machen gerade eine Studie bei Hunden aus endemischen Gebieten, zusammen mit dem Robert-Koch-Institut, und werten alle FSME-Fälle aus. Katzen sind offenbar refraktär (wir finden keine Antikörper in Katzen), Hunde sind zu 20 bis 30 % Antikörper-positiv in diesen endemischen Gebieten.

Immer mehr Hunde kommen durch die Tierrettung zu uns und immer häufiger gehen Tiere auch mit auf Reisen mit ihrem Besitzer. Sehen Sie da Gefahrenherde?

Ja, hier ist die Einschleppung von bisher nicht in Deutschland vorkommenden Infektionen von entscheidender Bedeutung. Das sehe ich zum Beispiel für die Leishmaniose. Auch da kann ich eine interessante Beobachtung erzählen. Wir haben vor vielen Jahren Sandmückenerreger untersucht und autochtone Fälle im Kaiserstuhlgebiet gefunden. Das heißt dort muss es Sandmückenpopulationen geben von infizierten Sandmücken aus Frankreich.

Also Leishmaniose ist ein großes Problem, ebenso wie Dirofilaria (Fadenwurm) oder Babesia. Auch Erreger, die durch die Braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus) übertragen werden.

Die Braune Hundezecke finden wir immer wieder. Und wenn wir jetzt diese Temperature Lineage haben dann kann diese Zecke aus vielen europäischen Ländern (Urlaubsländer Italien, Spanien, Frankreich) eingeschleppt werden. Die Tropical Lineage kommt eher aus Südamerika oder Afrika.

Die Braune Hundezecke sitzt zum Teil zu hunderten oder tausenden auf dem Hund und geht dann auch auf den Menschen über. Das ist ein zunehmendes Problem, das auch viele Tierärzte nicht kennen. Wir hatten einige Fälle jetzt, unter anderem in Stuttgart und Berlin. Die Hunde bringen solche Vektoren mit, die ein völlig anderes Verhalten haben, das wir nicht kennen. Wir kennen hier keine endophilen, das heißt im Haus lebende Zecken. Aber Rhipicephalus lebt im Haus, vermehrt sich schnell und macht Häuser unbewohnbar. Die Zecken legen teilweise mehr als 1000 Eier.

Anaplasmose und Babesiose sind auch typische Krankheiten, die sehr gefährlich sind. Babesiose wird oft nicht richtig diagnostiziert und der Hund kann innerhalb von zwei Tagen sterben. Es gibt für viele Fälle noch keine richtige Diagnostik, das ist die Gefahr, und das spricht auch für Prävention.

Um das abzuschließen: Die Mobilität des Menschen und des Tieres birgt große Gefahren. Es müsste eine reiseveterinärmedizinische Beratung geben, in der Humanmedizin ist das ja schon etabliert. Die Reisemedizin ist ein eigenes Fach beim Menschen, für das Tier sollte es das auch geben.

Ausblick 2019?

Kommt im Dezember. Professor Hubel in Wien wird das Anfang Dezember errechnen. Konkrete Vorhersage erwarten wir im Februar.

Reicht es, die Tiere im Frühjahr und Spätjahr zu schützen?

Nein. Vor Ixodes ricinus muss März bis November geschützt werden. Wir haben die Zeckenaktivität genau beobachtet und sehen kein Sommerloch. Die Auwaldzecke (Südwest und Nordost/Ost) ist überwiegend dann aktiv, wenn kein Schnee liegt, kann aber selbst dann noch aktiv sein. Mit den Wetteränderungen, die wir in den letzten Jahren gesehen haben und die für die nächsten Jahre prognostiziert sind, würde ich so weit gehen zu sagen, dass man ganzjährig vor Zecken schützen sollte.

In Großbritannien haben wir über das „Big Tick Projekt“ herausgefunden, dass es Zecken nicht nur in Wäldern und auf Wiesen gibt, sondern auch in der Stadt oder im Garten. Wie sieht das bei uns aus?

Wir wissen das genau. Frau Professor Mackenstedt (Universität Hohenheim) und ihr Team haben die sogenannte „Gartenstudie“ durchgeführt. In den Parks, in Gärten, in Großstädten gibt es auch erregerhaltige Zecken. Die werden von Vögeln eingeschleppt. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Garten gepflegt oder verwildert ist. Auch terrestrische Tiere schleppen Zecken aus dem Wald in die Stadt ein. Wir hatten auch FSME-Fälle in Waldkindergärten und sogar auf einem Balkon.

Was halten Sie von alternativen Methoden gegen Zecken wie Bernstein oder Öle?

Ich glaube nicht, dass es hilft und es gibt auch keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass es funktioniert. Es ist schwierig, das den Menschen zu erklären, die daran glauben. Aber man muss eben auch die Gefahren sehen, denen sich diese Menschen aussetzen.

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