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Juckreiz beim Hund – was tun?

Publiziert: Dienstag, 28. November 2017

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Jeder Hund kratzt sich gelegentlich – das ist normal und bei uns Menschen auch nicht anders. Juckt sich ein Hund jedoch ständig, kratzt sich an Ohren und Hals oder beknabbert und beleckt seine Haut ohne Unterlass, benötigt er unbedingt tierärztliche Hilfe. Nehmen Sie anhaltenden oder übersteigerten Juckreiz beim Hund stets ernst, denn er ist nicht nur quälend für Ihren Vierbeiner: Es können auch Krankheiten dahinterstecken, die ein Tierarzt erkennen und behandeln kann.

Juckreiz beim Hund belastet Mensch und Tier

Jeder Hundebesitzer weiß: Fühlt sich sein Hund nicht wohl, ist die Freude am gemeinsamen Zusammenleben schnell getrübt. Juckreiz beim Hund quält und stresst nicht nur den Vierbeiner, sondern kann auch für Herrchen oder Frauchen zur Last im Alltag werden. Dabei ist Juckreiz bei Hunden keine Seltenheit. Nahezu jeder siebte Hund wird wegen anhaltendem oder gesteigertem Juckreiz in der Tierarztpraxis vorgestellt.

Hund und Mensch führen ein enges Zusammenleben: Ob als verlässlicher Freund und Partner, zum Beispiel beim Sport, auf der Jagd, als Familienmitglied und treuer Spielkamerad für Kinder – für viele ist ein Hund aus ihrem Leben kaum wegzudenken. Und mit keinem anderen Haustier kommunizieren wir Menschen auf so einzigartige Weise wie mit Hunden: Die Vierbeiner lesen unsere Mimik, verstehen unsere Körpersprache und verfügen über einen untrüglichen Sinn für unsere Stimmung. So spüren sie etwa, wenn es uns nicht gut geht.

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Genauso fühlen wir Menschen uns jedoch auch unwohl, wenn der Hund leidet, zum Beispiel, weil er sich ohne Unterlass kratzt. Mit anzusehen, wie sich sein Hautzustand verschlechtert, ist für die meisten Hundebesitzer belastend: Die Haut rötet und entzündet sich durch das Kratzen zusehends und Bakterien können sich breitmachen. Kommt jetzt keine Hilfe, können eitrige Hautentzündungen (Pyodermien), haarlose Stellen und nässende Ekzeme entstehen. Hinzu kommt, dass sich Hunde mit ständigem Juckreiz auch im Wesen und Verhalten verändern: Oft wirken sie unruhig, rastlos oder gereizt. Der Spieltrieb kann nachlassen und selbst das geliebte „Stöckchen holen“ klappt nicht mehr, weil der Hund sich erstmal kratzen muss. Macht der Juckreiz selbst nachts keine Pause, rauben Unruhe und Kratzgeräusche Hund und Halter schließlich den Schlaf. Spätestens jetzt geht es mit der Lebensfreude und Lebensqualität bergab.

Was sind die Ursachen von Juckreiz beim Hund?

Die Ursachen für den Juckreiz beim Hund sind vielfältig. Zu den häufigen Auslösern zählen:

  • Parasiten, z.B. Milben und Flöhe,
  • Allergien gegen Pollen, Hausstaubmilben, Flohspeichel oder Futterbestandteile,
  • „Neurodermitis“ oder – medizinisch – atopische Dermatitis,
  • Infektionen mit Pilzen oder Bakterien, sowie
  • innere Erkrankungen, z.B. hormonelle Störungen.

Immer mehr Hunde leiden unter einer Hautentzündung (Dermatitis), die mit der Neurodermitis des Menschen vergleichbar ist. Tierärzte bezeichnen sie beim Hund auch mit dem Fachbegriff „atopische Dermatitis“. Die Symptome – allen voran der Juckreiz – können anhaltend (chronische Form) oder saisonal auftreten, das heißt, nur zu bestimmten Jahreszeiten.

Neurodermitis beim Hund: Wie entsteht der Juckreiz?

Die Neurodermitis oder – medizinisch korrekter – atopische Dermatitis beim Hund entsteht durch eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems. Eigentlich harmlose Stoffe, wie Staub, Pollen oder Gräser, versetzen dabei Abwehrzellen des Organismus fälschlicherweise in Alarmbereitschaft. Diese sogenannten Allergene stoßen bei Immunzellen eine Kaskade von Abwehrreaktionen an. Dabei schütten die Zellen unter anderem Botenstoffe aus, die eine Entzündung hervorrufen. Einige von diesen „Entzündungsvermittlern“ stimulieren die sensiblen Nervenfasern in der Haut, die schließlich den Impuls an das Gehirn weiterleiten: Der Hund spürt, dass „es juckt“ und beginnt sich zu kratzen.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Haut von Hunden mit atopischer Dermatitis durchlässiger ist, sodass Allergene leichter in die Haut eindringen können. Hat der Juckreiz erstmal begonnen, schädigt unaufhörliches Kratzen die Haut und macht sie schutzlos: Weitere Allergene und nun auch Krankheitserreger passieren die Haut und lösen erneut Juckreiz aus – der Teufelskreis schließt sich.

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Abb.1: Darstellung des Juckreiz-Zyklus

Juckreiz beim Hund: Sofort zum Tierarzt!

Leidet Ihr Hund unter Juckreiz, lassen Sie es daher nicht soweit kommen und gehen Sie sofort zum Tierarzt. Um die Abwärtsspirale zu durchbrechen und ernste Hautentzündungen zu verhindern, besteht der wichtigste Schritt darin, den Juckreiz so schnell wie möglich zu stoppen.

Verschiedene Medikamente können das Jucken lindern, häufig begegnen Tierhalter dabei kortisonhaltigen Mitteln. Diese hemmen Entzündung und Juckreiz, greifen jedoch in den Stoffwechsel und das Abwehrsystem des Hundes ein, sodass – vor allem bei längerer Anwendung –Nebenwirkungen auftreten können. Typisch sind starker Durst und damit verbundener nächtlicher Harndrang. Außerdem ist es möglich, dass der Hund durch die kortisonhaltigen Medikamente an Gewicht zunimmt.

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Tierärzten stehen seit einiger Zeit kortisonfreie und biologische Therapieoptionen gegen Juckreiz zur Verfügung. Die kortisonfreie Behandlung mit Tabletten setzt dabei im Organismus an der Stelle an, an welcher der Juckreiz entsteht: Botenstoffe, die den Kratzimpuls an die Nerven der Haut vermitteln, werden blockiert – und das Signal ans Gehirn „Es juckt!“ dadurch unterbunden. Die Therapie wirkt schnell und befreit den Hund von seinem quälenden Juckreiz – und zwar zunächst unabhängig von der Ursache. Dadurch verschafft sie dem Tierarzt Zeit, um in Ruhe dem Grund für den Juckreiz auf die Spur zu kommen.

Atopische Dermatitis beim Hund – Diagnose durch den Tierarzt

Nachdem der Tierarzt den Juckreiz durch Medikamente, zum Beispiel durch kortisonfreie Tabletten gestoppt hat, besteht der zweite Schritt darin, eine exakte Diagnose der Juckreiz-Ursache zu stellen. Tierärztin Dr. Stefanie Peters rät: „Grundsätzlich gilt, dass Juckreiz für alle Beteiligten eine Belastung darstellen kann. Je früher und genauer man die Ursache – vielleicht auch mehrere – diagnostiziert, und eine entsprechende Behandlung einleitet, desto besser die Prognose. Gerade länger bestehender oder rezidivierender Juckreiz ist deshalb ein Fall für eine gezielte Diagnostik beim dermatologisch versierten Tierarzt.“

Wichtige Hinweise zur Juckreiz-Ursache liefern zu Beginn Informationen über das Alter des Hundes, die Rasse und die Vorgeschichte. Daher fragt der Tierarzt meistens, ob der Hund früher schon einmal unter verstärktem oder anhaltendem Juckreiz litt und ob dieser sich unter der Behandlung gebessert hat. Im Anschluss untersucht er den Hund und beurteilt dessen Hautzustand. Typisch für eine atopische Dermatitis beim Hund sind entzündete Hautstellen, vor allem

  • im Gesicht,
  • an den Innenseiten der Ohrmuschel,
  • an den Innenseiten der Vorderbeine,
  • an den Pfoten der Vorder- und Hinterbeine,
  • im Bereich der Flanken und
  • an der Schwanzwurzel.

Die Haut ist zu Beginn meist stark gerötet, später sind eventuell kleine Pusteln zu sehen. Besteht der Juckreiz schon eine Weile, ist die Haut durch das ständige Kratzen meist deutlich in Mitleidenschaft gezogen. Eventuell zeigen sich nässende oder blutige Hautbezirke und haarlose Stellen. Riecht die Haut außerdem unangenehm und sondert gelbliches Sekret ab, spricht dies für eine zusätzliche Infektion mit Bakterien. In ausgeprägten Fällen kann sich die Hautpigmentierung verändern und die betroffenen Stellen sehen dunkler, oder aber sehr viel heller als intakte Hautbereiche aus.

Schließlich prüft der Tierarzt, ob Parasiten als Ursache für den Juckreiz infrage kommen. Während Flöhe oder Flohkot sich in der Regel mit bloßem Auge auffinden lassen, ist für bestimmte Milben eine Hautprobe erforderlich. An einer betroffenen Hautstelle schabt der Tierarzt dazu vorsichtig etwas Haut mithilfe einer Skalpellklinge ab (sogenanntes Hautgeschabsel).

Auch Futtermittelallergien zählen zu den häufigen Ursachen von Juckreiz beim Hund. Hier kann der Weg zur richtigen Diagnose manchmal etwas mehr Geduld erfordern, da zur Diagnose oft eine Ausschlussdiät (Eliminationsdiät) notwendig ist. Das bedeutet, dass der Hund über einen Zeitraum von etwa acht Wochen nur eine bestimmte – allergenarme – Nahrung erhält. Bessern sich unter der Diät die Symptome, spricht dies dafür, dass eine Allergie gegen einen Futterbestandteil vorliegt. Allerdings setzt dieses Vorgehen voraus, dass der Hund wirklich konsequent keine andere Nahrung aufnimmt.

Hat der Tierarzt die verschiedenen Juckreiz-Ursachen ausgeschlossen, kann er die Diagnose „atopische Dermatitis“ stellen.

Neue Hilfe vom Tierarzt: Biologische Therapie bei atopischer Dermatitis

Tierärzte können Hunde mit atopischer Dermatitis seit kurzem mit einer neuen, gut verträglichen Therapie behandeln. Dazu erhält der Hund lediglich einmal im Monat eine Spritze. Die neue biologische Behandlung basiert auf sogenannten monoklonalen Antikörpern, die die Juckreiz-Auslöser neutralisieren. Antikörper kommen auch ganz natürlich im Organismus vor, wo sie von Immunzellen gebildet werden und unerlässlicher Bestandteil einer gesunden Abwehr sind. Die neue biologische Therapie bei atopischer Dermatitis ist speziell an Hunde angepasst und daher gut verträglich. Die Behandlung belastet Leber und Nieren des Hundes kaum, denn die verwendeten Antikörper werden auf dem gleichen Weg wie die natürlichen Antikörper im Körper abgebaut.

Auch wenn der Hund zusätzlich andere Medikamente benötigt oder eine Impfung ansteht, kann die biologische Therapie gegen Juckreiz angewendet werden. In der Regel bessert sich der Juckreiz bereits innerhalb eines Tages, nachdem der Hund die Spritze erhalten hat und die Wirkung hält für etwa einen Monat an. Auf diese Weise kann die Haut abheilen. Ist der Juckreiz gestoppt und fühlt sich der Hund wieder wohl, verbessert sich auch seine Lebensqualität. Und auch Hundebesitzer können die gemeinsame Zeit mit ihrem Hund wieder genießen: Lebensfreude und Unbeschwertheit kehren zurück – gemeinsamem Spielen, Kuscheln und Herumtollen steht nichts mehr im Weg.

 

Autor: Pascale Huber, Tierärztin
Datum: 19.09.2017
Quellen:
Fachinformation CYTOPOINT® 2017

Marsella R, Sousa CA, Gonzales AJ, Fadok VA. Current understanding
of the pathophysiologic mechanisms of canine atopic dermatitis. JAVMA. 2012;241(2):194-207.
doi:10.2460/javma.241.2.194
Mayer C, Der praktische Tierarzt 98, Heft 09/2017
Niemand H.G.: Praktikum der Hundeklinik. Enke Verlag 2012
Rosenbaum MR: Dermatologie Newsletter 2017

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