Anzeige

Anzeige

Zur Tiermediziner-Community Vets online

Anzeige


Futtercheck online
Home » Magazin » Gnadenhöfe – wirkliche Gnade für Tiere oder doch nur Geschäftemacherei?

Gnadenhöfe – wirkliche Gnade für Tiere oder doch nur Geschäftemacherei?

Publiziert: Dienstag, 7. März 2017

Diesen Artikel teilen:

 
Themen-Special:Juckreiz beim Hund

© chalabala / Fotolia.comAnzeige

(Von Großtierärztin Sabina Undeßer)

Gnadenhof: Eine Idylle für Tiere?

Wer hat noch nicht davon gehört: befreite Tiere aus grausamer Gefangenschaft, dramatische Rettungsaktionen vor dem
Schlachthof oder eine neue Chance für zuchtuntaugliche Tiere.
Immer wieder wird darüber groß in Zeitungen, Fernsehreportagen und Social Media-Netzwerken berichtet. Meistens enden diese Beiträge mit einem Happy End, welches den Namen „Gnadenhof“ trägt.

Anzeige

 

Gnadenhöfe als Asyl für notleidende Tiere

Viele dieser Tiergeschichten konnten Zuflucht und Schutz auf einem Gnadenhof, einem Tierasyl sozusagen, finden. Einem Ort, wo ihnen eine rund um die Uhr Betreuung, artgerechte Haltung, notwendige tiermedizinische Behandlungen und ein wenig die heile Welt versprochen wird. Hier leben alle Tiere idyllisch und artenübergreifend zusammen – die Alten und Gebrechlichen, die Gepeinigten und Aussortierten sowie die körperlich Beeinträchtigten.

Jetzt folgen:

Jeder Tag bietet bestes Futter ohne Ende und viele Streicheleinheiten sowie Liebkosungen durch das pflegende Personal. Das alles klingt nach höchst erfolgreich gelebtem Tierschutz! Doch was ist der Haken an dieser heilen Tierwelt? Gibt es etwa eine Schattenseite der Gnadenhöfe?

Der Ansatz, Tierleid zu reduzieren und vielen Tieren ein schöneres Leben zu ermöglichen, ist nur zu begrüßen. Problematisch wird es allerdings bei der Finanzierung. Gnadenhöfe müssen sich selbst finanzieren. Es gibt für sie weder Unterstützung aus öffentlicher Hand noch andere Förderungen. Ihre finanziellen Mittel setzen sich größtenteils aus freiwilligen Spenden zusammen, mit denen Grund und Boden, Futter- und Personalkosten, Gerätschaften, Zäune und Weideunterstände, tierärztliche Tätigkeiten sowie Werbung und Marketing bezahlt werden. Der zeitliche, personelle und vor allem finanzielle Aufwand ist beträchtlich, welcher von diesen Höfen aufgenommen wird, um Tieren einen schönen Lebensabend zu ermöglichen. Tatsächlich scheint dies aber wenig abzuschrecken – Gnadenhöfe haben in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren deutlich an Popularität gewonnen.

 

Tierschutz und Bewusstsein für Tiere gestiegen

Anzeige

Die Gründe dafür sind gewiss unterschiedlich. Zum einen erfuhr der Tierschutz generell in den vergangenen zwei Jahrzehnten Aufwind und findet sich seither im Grundgesetz (Deutschland: 2002) und in der EU-Verfassung (2002) wieder. Zum anderen reagieren die Menschen sensibler auf die Haltung von Nutztieren und eine Vielzahl achtet besser darauf, von wo tierische Lebensmittel stammen. Immer mehr entscheiden sich gar für eine vegetarische oder vegane Lebensweise.

Hund, Katze und Pferd sind für viele Personen vollwertige Familienmitglieder geworden und werden nahezu vermenschlicht. Die einen machen ihre große Tierliebe zum Beruf und helfen misshandelten oder dem Tode geweihten Tieren durch die Gründung eines Gnadenhofes und die anderen zeigen ihre Empathie und Unterstützung meist durch Geldspenden.

 

Emotionales Marketing fördert Spendenbereitschaft

Es macht den Anschein, als ob es heutzutage ein Leichtes wäre, die Leute um ihr Geld für Tiere in Not zu bitten. So weit so gut und nichts Verwerfliches. Sehr viele Vereine finanzieren sich und leben zu einem Großteil von gespendetem Geld, wie zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr oder der örtliche Sportclub. Und trotzdem geraten diese nicht regelmäßig ins Kreuzfeuer der Kritik, müssen sich den Vorwurf fragwürdiger Geschäfte gefallen lassen oder sich vor Gericht beispielsweise wegen Untreue, Urkundenfälschung und schweren Betrugs verantworten.

Um an Geldgeber zu kommen, betreibt die Mehrheit aller Gnadenhöfe ein geniales Marketing, sowohl im Print- als auch Onlineformat. Dabei springen dem Leser perfekt in Szene gesetzte Fotos mit pathetisch formulierten Bildunterschriften ins Auge. Darüber ragen farblich markant abgesetzte Sprechblasen oder ähnliches mit „Spenden Sie“ oder „Eine Patenschaft als Geschenk“ heraus. Es gibt gewiss nicht viele Werbungen, die am „Kunden“ so viele Emotionen auslösen können, wie die Webauftritte und Anzeigen der Tierlebenshöfe. Außerdem ist ja noch „fett“ hervorzuheben, dass jede Spende steuerlich absetzbar ist!

Im letzten Moment gerettete Tiere werden wirksam für Presse und Medien genutzt und Gnadenhöfe als einzige Möglichkeit dargestellt, den Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Viele erinnern sich wahrscheinlich an Kuh „Yvonne“, die im Jahr 2011vor dem Schlachter geflohen war und sich für 98 Tage in einem Wald versteckte, ehe sie eingefangen und zu ihrer Familie auf einen österreichischen Gnadenhof verbracht wurde. Die Gelegenheit für gute Publicity wurde optimal genutzt!

 

Tiere als Wertanlage

Die richtig eingesetzten rhetorischen Stilmittel in Kombination mit ausdrucksstarken Bildern machen es einem Tierfreund daher nicht schwer, sich um eine Patenschaft notleidender Fellnasen anzunehmen und beispielsweise Monat für Monat einen festen Betrag abzugeben. Der Pate ist überglücklich, fühlt sich ein bisschen als Retter und der Gnadenhof freut sich über die Spende. Je mehr Patenschaften ein Tier trägt, umso „wertvoller“ wird es verständlicherweise. Seine Gesundheit und Lebensdauer werden finanziell enorm wichtig, da ein Ableben auch den abrupten Wegfall großer Geldsummen bedeutet.

 

Schwarze Schafe unter den Gnadenhöfen

Das Konzept Gnadenhof ist leicht durchschaubar und kann schnell ausgenutzt werden. Manch einer wittert das große Geschäft und setzt die Tiere bewusst als Vorwand ein, um möglichst leicht an Spendengelder und Besitz zu kommen. Das Wohl der Tiere steht dabei kaum an erster Stelle und ein möglicher Todesfall wird erst gar nicht an die Paten weitergeleitet. Romantische Postkarten mit lieben Grüßen des Schützlings landen weiterhin im Briefkasten, obwohl dieser schon längst in einer Tierkörperverwertungsanlage entsorgt wurde.

Derartige Betrüger werfen natürlich böses Licht auf die gesamte Branche und zwingen jene Menschen, welche sich wirklich fair, transparent und mit vollstem Herzblut für die Tiere einsetzen, sich vor Allen und Jeden rechtfertigen zu müssen.

Eines ist auf jeden Fall klar festzustellen: von einem gut und ehrlich geführten Gnadenhof profitieren nicht nur die Tiere, sondern mehrere Zweige. Gnadenhöfe schaffen Arbeitsplätze, sind willkommene Kunden für Futterlieferanten, Tierärzte, verschiedene Firmen und bescheren einer Region viele Besucher. Also: Gnadenhof ist nicht gleich Gnadenhof. Leider. Es gibt nicht nur gut oder böse, schwarz oder weiß. Dazwischen finden sich, wie so oft, viele Graustufen.

 

Persönliche Besichtigung bringt Sicherheit

Wer sich daher für diese Art von Tierschutz stark machen möchte, möge immer noch den Gnadenhof und seine Betreiber persönlich kennenlernen. Der Besuch seines Schützlings beziehungsweise seiner Schützlinge muss zu jeder Zeit möglich sein. Ebenfalls sollte Stallungen und Anlage zugänglich, sauber und artgerecht sein. Auch ist es nie verkehrt sich über die allgemeine Reputation des betroffenen Hofes in unmittelbarer Nachbarschaft zu erkundigen. Ein sorgfältiges Auswählen, an wen man sein Geld spendet, ist heutzutage sicher empfehlenswert, um ein zu schnelles Hereinfallen auf mitleiderregende Marketingstrategien zu vermeiden.

Also Augen auf – schließlich möchte niemand sein Geld zweckentfremdet sehen und am Ende vielleicht gar dafür verantwortlich sein, dass beispielsweise ein kranker und alter Grauesel wegen seiner unzähligen Patenschaften sprichwörtlich zum „Goldesel“ wird und aufgrund dessen sein Abtreten ins Jenseits bewusst durch unzählige Therapien hinausgezögert wird. Spätestens dann ist über den leidenden Esel keine Gnade mehr gefallen, sondern er wurde Opfer eines gierigen Geschäftes und fortan zum Symbolträger einer klassischen Themenverfehlung.

 

Weitere Informationen

Autorin: Dr. Sabina Undeßer
Datum: März 2016
Quellen:
„Die Presse“ Verlags-Gesellschaft m.b.H. Co KG: Kuh „Yvonne“ in ihrer neuen Heimat auf Gut Aiderbichl, http://diepresse.com/home/ausland/welt/690194/Kuh-Yvonne-in-ihrer-neuen-Heimat-auf-Gut-Aiderbichl, Abruf: 17.2.2017.
Hagel Hof e.V: Das „Donnerwetter-Team“ vom „mdr“ zu Gast auf dem Hagel Hof, https://www.hagelhof.de/neuigkeiten/mdr07.htm, Abruf: 17.2.2017.
News networld internetservice GmbH: Friedhof der Kuscheltiere, https://www.news.at/a/news-aiderbichl-friedhof-kuscheltiere, Abruf: 17.2.2017.
STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H.: Tierschutz in der Verfassung, http://derstandard.at/954778/Tierschutz-in-der-Verfassung, Abruf: 17.2.2017.
Telekurier Online Medien GmbH & Co KG: Wo Spenden gut investiert sind, https://kurier.at/leben/wo-spenden-gut-investiert-sind/41.917.326, Abruf: 17.2.2017.

Diesen Artikel teilen:

Anzeige

Anzeige

UmfrageNeu
Aktuelle Stellenangebote
Newsletter abonnieren

Verpassen Sie keine Neuigkeiten mit unserem kostenlosen Newsletter!

Auszeichnungen
Gewinner Health Media Award 2016 - Kategorie Tiermedizin